Tobias Naumann: Pflege ist Beziehung – und Beziehung ist Wirkung

Pflege ist bei Parkinson mehr als Versorgung im Hintergrund. Tobias Naumann, Advanced Practice Nurse im Projekt INSPIRE-PNRM+, zeigt, wie Hausbesuche, Zuhören, Case Management und Telemedizin die Betreuung persönlicher und vernetzter machen.

Herr Naumann, können Sie uns kurz erzählen wie Sie Ihren Weg in den Pflegeberuf gefunden haben?

Ja, das kann ich. Der Weg in die Pflege war für mich keine geplante Entscheidung, sondern eine sehr persönliche. Als ich etwa 19 Jahre alt war, wurde mein Vater sehr schwer krank und ist nach kurzer Zeit verstorben. In dieser Phase gab es eine Pflegefachkraft, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Sie war empathisch, präsent, hatte unsere Situation im Blick – und sie war einfach da. In einer Zeit, die für uns als Familie schwer auszuhalten war, hat sie es geschafft, eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir uns aufgefangen fühlten.

Es war nicht nur die fachliche Kompetenz dieser Frau, sondern vor allem ihre Menschlichkeit, die mich tief beeindruckt hat. Sie hat nicht mit Standardfloskeln reagiert, sondern uns als Familie gesehen, als Menschen mit Sorgen, Trauer und Unsicherheiten. Sie hat Nähe zugelassen, ohne aufdringlich zu sein, sie war präsent, ohne sich aufzudrängen. Ich habe damals gespürt, wie viel Unterschied es macht, wie jemand seinen Beruf ausübt – und dass Pflege weit mehr ist als medizinische Versorgung. Es geht um viel mehr um Beziehung und um die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen.

Ich erinnere mich, wie ich damals dachte: Diese Person geht abends bestimmt nach Hause mit dem Gefühl, wirklich etwas Gutes getan zu haben. Sie hat einen Unterschied gemacht – für uns, in einer Ausnahmesituation. Das war ein prägendes Vorbild. Ich selbst wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, wohin es beruflich für mich gehen sollte, aber das Bild dieser Pflegefachkraft ist geblieben. Als ich mich für einen Berufsweg entscheiden musste, merkte ich: Ich möchte einen Beruf, in dem ich Menschen begleiten und etwas Sinnvolles tun kann. Einen Beruf, in dem man nicht einfach nur funktioniert, sondern der einen berührt – und bei dem man selbst etwas zurückbekommt.

Was hat Sie dazu bewogen, sich zur Advanced Practice Nurse weiterzubilden?

Ich bin jemand, der sich ungern mit dem Status quo zufriedengibt. Nach meiner Ausbildung – oder besser gesagt: meinem Studiengang – war für mich klar, dass ich mehr Verantwortung übernehmen möchte. Ich komme ursprünglich aus dem Saarland und habe dort einen integrierten Pflegestudiengang absolviert. Der war bereits generalistisch angelegt, das heißt: Gesundheits- und Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege in einem. Ich habe also von Anfang an sehr breit gelernt – und gemerkt, wie wertvoll diese Perspektivenvielfalt ist.

Parallel dazu habe ich in der Eingliederungshilfe gearbeitet, wo ich Menschen zu Hause begleitet und individuell unterstützt habe – auch das hat mein Verständnis von Pflege geprägt: als etwas Persönliches, Alltagsnahes und extrem Bedarfsorientiertes. Später habe ich in Frankfurt noch einen Master gemacht, mit dem Schwerpunkt Digital Health und Case Management, und dann in der onkologischen Gynäkologie und Geburtshilfe gearbeitet.

Die Rolle der APN hat mich gereizt, weil sie genau das zusammenbringt: Fachliche Tiefe, komplexe Versorgung – und gleichzeitig der Fokus auf Beziehung, Kommunikation und Vernetzung. Für mich ist das die Pflege der Zukunft: eine Pflege, die Verantwortung übernimmt, die mitgestaltet und dabei den Menschen nie aus dem Blick verliert.

Was unterscheidet eine Advanced Practice Nurse eigentlich von anderen Pflegefachpersonen – und wie erleben Sie diesen Unterschied in Ihrem Arbeitsalltag?

Ich denke, das Wichtigste zuerst: Eine APN versteht sich nicht als jemand, der „mehr kann“ als andere Pflegefachpersonen. Wir sehen uns eher als Ergänzung, als Add-on, das bestimmte Aufgaben übernimmt, die im klassischen Pflegealltag oft zu kurz kommen – zum Beispiel Beratung, Fallmanagement, interdisziplinäre Zusammenarbeit und vor allem: Zeit.

Der größte Unterschied liegt für mich im erweiterten Kompetenzrahmen. Als APNs bringen wir ein vertieftes akademisches Wissen mit, das uns erlaubt, komplexe Versorgungssituationen systematisch zu analysieren und aktiv mitzugestalten. Das bedeutet: Wir sehen nicht nur das Symptom oder die akute Versorgungslücke, sondern schauen uns die Lebenswelt der Patienten in ihrer Gesamtheit an, indem wir die medizinischen, sozialen und psychischen Faktoren mit einbeziehen.

Und das macht auch was mit der Art, wie ich arbeite: Ich gehe anders in Gespräche, ich führe Beratungsgespräche auf Augenhöhe, ich vernetze und stimme mich eng mit anderen Berufsgruppen ab. Mein Alltag ist dadurch sehr dialogisch geprägt – ich höre viel zu, frage viel nach, gleiche Perspektiven ab. Und ich bin überzeugt: Gerade in einem komplexen Krankheitsbild wie Parkinson braucht es genau diese integrierte Sichtweise.

Welche besonderen Kompetenzen oder Aufgaben bringen Sie als APN in die Versorgung von Parkinsonpatient:innen ein?

Als APNs bringen wir neben der fachlichen Expertise vor allem eines mit: Zeit, Nähe und Struktur. Das klingt banal, ist aber im Versorgungsalltag absolut zentral. Ich arbeite mit Patienten, die nicht nur medizinisch gut eingestellt sein wollen, sondern auch verstanden werden möchten – mit all ihren Sorgen, Einschränkungen, aber auch Hoffnungen.

Wir als APNs haben gelernt, komplexe Versorgungsprozesse zu koordinieren und personenzentriert zu handeln. Das heißt: Ich sorge dafür, dass alle relevanten Akteure miteinander kommunizieren – vom Neurologen über die Physiotherapeutin bis zu den Angehörigen. Ich mache Vorschläge für Therapien, beantrage Hilfsmittel und spreche Empfehlungen aus – immer in enger Rückkopplung mit den behandelnden Ärzte und im Sinne der Patienten.

Gleichzeitig spielt auch das soziale und psychologische Umfeld eine große Rolle. Viele Menschen mit Parkinson erleben (anfangs) Unsicherheit, Rückzug oder sogar Scham – vieles davon unausgesprochen. Ich versuche, genau dort anzusetzen, indem ich eine sichere Gesprächsatmosphäre schaffe, Bedürfnisse sichtbar mache und Ängste auffange. Ich bin davon überzeugt, dass gute Versorgung nicht nur aus Rezepten und Medikamenten besteht, sondern auch aus Beziehungsarbeit.

Worin sehen Sie persönlich den größten Mehrwert Ihrer Rolle für die Patienten?

Ich glaube, der größte Mehrwert ist, dass wir wirklich da sein können. Wir kommen zu den Patienten nach Hause und können uns mehrere Stunden Zeit nehmen, um zuzuhören. Und das verändert alles. Zuhause sind Menschen authentischer, entspannter und offener. Ich begegne ihnen in ihrer eigenen Welt – und das verändert auch meine Sichtweise als Pflegefachperson.

Wir als APNs dürfen in die Häuslichkeit der Patienten. Wir verlassen den Schutzraum des Krankenhauses, in dem wir normalerweise die Regeln vorgeben. Stattdessen treten wir ein in das Zuhause der anderen – als Gast mit Respekt und Offenheit. Das hat mir eine völlig neue Perspektive eröffnet. Da ist man nicht mehr die Person mit dem weißen Kittel, die ins Zimmer rauscht. Man sitzt am Wohnzimmertisch, trinkt vielleicht einen Kaffee, lernt den Hund kennen – und erfährt viel mehr darüber, wie es den Menschen wirklich geht.

Viele Patienten sagen mir nach dem ersten Hausbesuch: „So intensiv hat noch nie jemand mit mir gesprochen.“ Oder: „Ich wusste gar nicht, dass ich so viele Fragen habe.“ Es geht nicht nur darum, Lösungen zu liefern, vor allem bei einer chronischen Erkrankung mit einem langen Behandlungsweg wie Parkinson, – es geht darum, Räume zu schaffen, in denen überhaupt erst Probleme formuliert werden können.

Ich sehe mich als Begleiter – jemand, der da ist, wenn es wackelig wird. Ich denke, dass viele Patienten sich genau das wünschen: jemanden an ihrer Seite, der sie sieht, ernst nimmt und nicht nach 15 Minuten wieder gehen muss. Und das ist für mich das Herzstück meiner Arbeit.

Wie kam es dazu, dass Sie sich auf die Arbeit mit Menschen mit Parkinson spezialisiert haben?

Das war tatsächlich gar kein bewusster Plan von Anfang an. In meinem Studium hatte ich zwar schon mal Kontakt mit neurologischen Krankheitsbildern, auch mit Parkinson – aber ehrlich gesagt war das eher oberflächlich. Ich hatte so das klassische Halbwissen: Parkinson, das ist die Krankheit mit dem Zittern. Natürlich kannte ich Namen wie Frank Elstner oder Michael J. Fox, aber das war’s auch schon.

Als ich dann die Stellenausschreibung für INSPIRE-PNRM+ gesehen habe, hat mich etwas sofort gepackt. Ich habe die Anzeige gelesen und gedacht: „Das bin ich. Das passt wie die Faust aufs Auge.“ Es ging um personenzentrierte Beratung, Case Management, eigenständige Arbeit, Besuche zu Hause und Eigenverantwortung – genau die Themen, die mich reizen.

Sie nehmen derzeit am Innovationsfonds-Projekt INSPIRE-PNRM+ des ParkinsonNetz RheinMain+ (Deutschland) teil. Könnten Sie uns erklären, worum es bei diesem Projekt geht?

Das Projekt hat ein ganz klares Ziel: Wir wollen die Lebensqualität und die Versorgungssituation von Menschen mit Parkinson verbessern – und zwar durch den gezielten Einsatz von Advanced Practice Nurses. Wir begleiten Patienten über einen Zeitraum von einem Jahr, in dem wir ganz genau schauen, wie es ihnen geht und welche Bedarfe sie haben – medizinisch, pflegerisch, aber auch psychosozial.

Was diese Studie besonders macht: Wir APNs begleiten nicht nur, sondern sind auch Koordinatoren, die beobachten und beraten. Wir arbeiten eng mit Ärzten, Therapeuten und natürlich mit den Patienten und ihren Angehörigen zusammen. Es geht darum, Versorgung aus einer Hand zu denken – und gleichzeitig interprofessionell zu gestalten.

Ein zentrales Element ist dabei unsere telemedizinische Plattform. Darüber laufen viele Kontakte, Absprachen und Rückmeldungen. Das ist gerade im ländlichen Raum ein echter Vorteil, weil wir so auch über Distanz eine kontinuierliche Begleitung ermöglichen können. Das große Ziel ist: Versorgung personenzentrierter, vernetzter und nachhaltiger zu machen – und wissenschaftlich zu belegen, dass das funktioniert. Wenn wir es schaffen, einen positiven Versorgungseffekt nachzuweisen, könnte diese Art der Therapiebegleitung in die Regelversorgung integriert werden und vor allem Menschen in unterversorgten, ländlichen Gebieten einen großen Vorteil bringen.

Sie haben im Rahmen der INSPIRE-Studie eine 300-stündige Zusatzausbildung absolviert. Welche Themen standen dabei im Mittelpunkt – und was haben Sie persönlich daraus mitgenommen?

Diese Weiterbildung war für mich – und ich glaube für uns alle – eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Wir haben uns unter anderem intensiv mit sozialrechtlichen Fragestellungen beschäftigt: Was steht Patienten mit Parkinson eigentlich zu? Welche Leistungen aus der Eingliederungshilfe oder der Pflegeversicherung können sie beantragen? Wie funktioniert der Zugang zu Reha-Maßnahmen, Hilfsmitteln oder Unterstützungsangeboten? Das ist oft ein Dschungel, durch den viele alleine kaum durchfinden – und genau da setzen wir an.

Daneben ging es viel um Pharmakotherapie und Pathophysiologie – also: Wie funktioniert Parkinson auf körperlicher Ebene? Welche Medikamente gibt es? Wie entwickeln sich die Symptome im Verlauf? Gerade in der Arbeit mit komplexen Krankheitsbildern ist es wichtig, nicht nur mit Erfahrungswissen zu arbeiten, sondern auch fundiert medizinisch argumentieren zu können.

Ein weiterer Schwerpunkt war Telemedizin – schließlich arbeiten wir in der Studie mit einer digitalen Plattform. Wir haben gelernt, wie man digitale Beratung professionell gestaltet, wie man Gespräche auch auf Distanz vertrauensvoll führen kann. Dazu kamen Module zu Gesprächsführung, Konfliktlösung, Beratungstechniken – alles mit dem Ziel, uns für die vielfältigen Situationen im Alltag zu stärken.

Was ich persönlich besonders geschätzt habe: Es war nicht nur theoretisch. Wir waren mitten im Wald in einem Tagungshotel, haben fast jede Woche drei Tage miteinander verbracht – mit Übernachtung. Wir sind als Team zusammengewachsen, haben viel voneinander gelernt. Und es hat sich ein echtes Netzwerk entwickelt, auf das ich bis heute regelmäßig zurückgreife.

Was genau ist Ihre Rolle im Rahmen des Projekts – und wie sieht Ihr Arbeitsalltag in diesem Kontext aus?

Mein Alltag ist sehr vielfältig – und ehrlich gesagt selten planbar. Ich beginne morgens meist damit, zu schauen, ob neue Patient:innen in unserer telemedizinischen Plattform eingetragen wurden. Wenn ja, nehme ich Kontakt auf, vereinbare Hausbesuche und plane die nächsten Schritte. Dann geht’s ins Auto – denn unser Arbeitsgebiet umfasst die ganzen Bundesländer Rheinland-Pfalz, Hessen und Teile des Saarlands. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich zwei Stunden fahre, um bei jemandem vor Ort zu sein.

Ein Hausbesuch dauert oft drei bis vier Stunden. Wir erheben sehr viele Daten – von motorischen Symptomen und Lebensqualität hin zu Komorbiditäten und Medikamentenpläne bis hin zum Pflegebedarf. Und wir sprechen über alles, was im Alltag eine Rolle spielt. Danach schreibe ich einen Behandlungsplan, spreche Empfehlungen aus und vernetze mich mit den behandelnden Ärzten.

Je nachdem, ob die Person in der Interventionsgruppe oder der Kontrollgruppe ist, begleite ich sie anschließend regelmäßig – per Video oder Telefon und einem abschließendem Hausbesuch am Ende der Studie.

Können Sie uns ein Beispiel aus Ihrer Arbeit schildern, das zeigt, wie viel man mit kleinen Veränderungen in der Pflegepraxis bewirken kann?

Da fällt mir sofort ein Fall ein, der mich sehr berührt hat. Ein Patient, der in einer tiefen Krise steckte – körperlich und seelisch. Er hatte Schmerzen, fühlte sich kognitiv eingeschränkt und war nicht mehr lebensbejahend – müde vom Alltag, müde von der Krankheit.

Ich habe mich mit ihm hingesetzt – nicht nur eine halbe Stunde, sondern wirklich lange. Bis spät am Abend saß ich am PC, habe einen detaillierten Behandlungsplan geschrieben, mit allem, was ich ihm vorschlagen konnte: Therapieoptionen, Ansprechpartner, Hilfsmittel und Unterstützungsmöglichkeiten. Ich wollte ihm zeigen, dass er nicht allein ist und dass es Wege gibt, aus diesem Loch zu finden.

Ein paar Tage später schrieb er mir: „Ich hätte nie gedacht, dass in meinem Zustand noch so viel möglich ist.“ Und er hat sich bedankt – nicht nur für die Ideen, sondern für die Energie, die ich hineingesteckt habe. Diese Rückmeldung hat mich tief berührt. Weil ich wusste: Ich war genau das für ihn, was für mich früher diese Pflegekraft am Bett meines Vaters war.

Warum halten Sie es für wichtig, Pflege auch im Forschungskontext weiterzuentwickeln?

Weil Pflege nicht stehen bleiben darf. Die Welt verändert sich – Menschen werden älter, komplexer erkrankt und leben länger zu Hause. Und trotzdem wird Pflege oft noch so gedacht wie vor zwanzig Jahren. Das funktioniert nicht mehr. Wir brauchen neue Konzepte, neue Rollen – und wir müssen sie wissenschaftlich fundieren.

Die INSPIRE-Studie ist genau so ein Modellprojekt. Sie zeigt, dass Pflege nicht nur reagiert, sondern gestaltet. Dass Pflege nicht nur Dienstleistung ist, sondern Beziehungsarbeit mit Struktur.

Und ganz ehrlich: Wenn wir nicht selbst erforschen und belegen, was wir tun, dann wird es niemand anders für uns tun. Pflege muss sichtbarer werden – nicht nur am Krankenbett, sondern auch in Zahlen, Daten und Studien. Nur so können wir langfristig etwas verändern.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den anderen beteiligten Berufsgruppen im Projekt?

Sehr bereichernd – und manchmal auch herausfordernd. Wir haben es mit Neurologen, Hausärzten, Therapeuten, Sozialdiensten, Angehörigen und vielen mehr zu tun. Da prallen natürlich unterschiedliche Perspektiven und Arbeitsweisen aufeinander. Aber gerade das macht es spannend. Ich habe das Gefühl, dass unsere Rolle als APNs zunehmend anerkannt und geschätzt wird – gerade weil wir so tief in den Alltag der Patienten eintauchen. Wir können Informationen liefern, die im hektischen Praxisalltag oft untergehen.

Ich erlebe die interprofessionelle Zusammenarbeit als echten Gewinn – für alle Beteiligten. Aber sie funktioniert nur, wenn man aufeinander hört, Vertrauen aufbaut und offen kommuniziert. Und daran arbeiten wir jeden Tag.

Wie reagieren die Patienten auf die intensivere Begleitung durch eine APN – spüren Sie eine Veränderung?

Oh ja, definitiv. Allein der Moment, wenn ich zum ersten Mal anrufe und sage: „Guten Tag, mein Name ist Tobias Naumann, ich bin Advanced Practice Nurse und würde Sie gern besuchen – der Termin dauert ungefähr drei bis vier Stunden.“ Da ist die erste Reaktion fast immer: „Was? So lange?“ Viele können sich das gar nicht vorstellen – dass jemand in der heutigen Zeit so viel Zeit mit ihnen verbringen will oder tatsächlich einfach kann.

Aber sobald ich bei den Menschen zu Hause bin, merke ich, wie sich etwas verändert. Es entsteht ein Raum, in dem endlich einmal alles ausgesprochen werden darf. Themen, die im Alltag untergehen oder für die beim Hausarzt keine Zeit ist.

Ich glaube, viele Patient:innen erleben unsere Begleitung nicht als medizinische Dienstleistung, sondern als zwischenmenschliche Unterstützung auf Augenhöhe. Und das macht für mich einen riesigen Unterschied.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Pflege im Parkinsonbereich – insbesondere im Hinblick auf die Rolle von APNs?

Ich wünsche mir vor allem, dass wir die positiven Erfahrungen, die wir aktuell in der Studie machen, in die Regelversorgung überführen können. Dass wir nicht bei einem Modellprojekt bleiben, sondern dass es in ein paar Jahren ganz normal ist, dass Menschen mit komplexen Erkrankungen wie Parkinson von spezialisierten Pflegepersonen begleitet werden – dauerhaft und flächendeckend.

Ich wünsche mir, dass wir als APNs mehr Autonomie erhalten – zum Beispiel das Recht, bestimmte Medikamente oder Hilfsmittel zu verordnen, ohne immer den Umweg über die Ärzte gehen zu müssen. Natürlich in klar geregelten Rahmen. Aber das würde vieles vereinfachen, gerade für Patienten, die wenig Antrieb haben oder ohnehin schon stark belastet sind.

Und ich wünsche mir, dass unsere Rolle als Pflegeexperten nicht nur im Projektkontext gesehen wird, sondern im gesamten Gesundheitssystem. Dass man erkennt, dass wir keine Konkurrenz, sondern eine wertvolle Ressource sind. Wir können entlasten, koordinieren, auffangen und versorgen. Und vor allem bringen wir den Menschen wieder in den Mittelpunkt.

Gibt es etwas, das Sie sich von der Politik oder von den Einrichtungen wünschen würden, um Pflege auf Augenhöhe zu ermöglichen?

Ja, ganz klar: mehr strukturelle Unterstützung. Es reicht nicht, Pflege in Sonntagsreden zu loben oder im Bundestag zu beklatschen. Wertschätzung muss sich in besserer Bezahlung, besseren Arbeitsbedingungen und einheitlichen Curricula niederschlagen. Es kann nicht sein, dass jede Hochschule ihr eigenes APN-Modell fährt und am Ende niemand genau weiß, was das bedeutet.

Wir brauchen für die Versorgungslandschaft einen echten Skill-Mix: klassische Pflegefachpersonen, spezialisierte APNs und medizinisches Fachpersonal – alle mit klar definierten Aufgaben und Kompetenzen. Und wir brauchen politische Rahmenbedingungen, die das ermöglichen durch mitfinanzierte Stellen, gesetzliche Verankerung und akademische Standards.

Zum Schluss: Wenn Sie einem jungen Menschen, der überlegt, in die Pflege zu gehen, etwas mit auf den Weg geben könnten – was wäre das?

Pack dir starke Nerven ein. Sei offen. Sei empathisch. Und vor allem: Hab keine Angst vor Nähe. Lass dich ein – auf Menschen, auf Lebensgeschichten und auf Situationen, die dich herausfordern. Pflege ist kein Beruf, den man einfach „macht“. Es ist ein Beruf, den man lebt.

Ich glaube, man kann in diesem Feld so viel lernen – nicht nur fachlich, sondern vor allem menschlich. Man wächst an den Begegnungen und an der Verantwortung. Und man bekommt so viel zurück: Vertrauen, Dankbarkeit und echte Verbindungen.

Natürlich ist nicht alles rosig. Pflege ist anstrengend, manchmal frustrierend, oft belastend. Aber sie ist auch unglaublich sinnstiftend. Wenn du einmal gespürt hast, wie es ist, einem Menschen wirklich geholfen zu haben – nicht abstrakt, sondern ganz konkret – dann lässt dich das nicht mehr los.

Deshalb würde ich sagen: Gib dem Beruf eine Chance. Und du wirst sie nicht bereuen.

Wirr bedanken uns ganz herzlich für das interessante Gespräch und wünschen Ihnen auch in Zukunft alles Gute für Ihre Arbeit und viel Erfolg mit der Studie.

Now enrolling

For people with Parkinson’s with a Deep Brain Stimulation (DBS) System

Clinical study evaluating an investigational device for freezing of gait (FOG)

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