Boxen bei Parkinson: Training für Kraft und Lebensfreude

Boxen ist doch nichts für Parkinson-Patient:innen – oder? Schließlich gehen bei dieser Erkrankung wichtige Nervenzellen im Gehirn verloren. Dann sind Schläge im Kopfbereich doch ungünstig. Dazu muss man wissen, dass das spezielle Boxtraining für Parkinson-Betroffene nicht auf einen direkten Körperkontakt abzielt. Vielmehr geht es um Faustschläge in die Luft oder gegen einen Sandsack. Boxen schult nicht nur Kraft und Ausdauer, sondern kann auch eine leise Stimme wieder kräftigen oder die Koordination von Bewegungen erheblich verbessern. Nicht zuletzt berichten viele Box-Einsteiger:innen, dass sich eine trübe Stimmung nach dem Training lichtet – und dass das Gefühl von Gemeinschaft sie stärkt.
Wir informieren Sie darüber, welche facettenreichen Wirkungen das Boxen noch auf Parkinson-Patienten haben kann und wo Sie in Deutschland bereits in ein Training einsteigen können.
Was lernen Parkinson-Betroffene beim Boxen?
Die Kurse können unterschiedlich aufgebaut sein, ähneln sich aber von den Inhalten her. Integrierte Bestandteile sind in der Regel ein Aufwärmprogramm, ein Ausdauertraining sowie Übungen, die die Schnelligkeit, das Gleichgewicht und das Reaktionsvermögen (Reflexe) trainieren. Das eigentliche Boxen sieht dann so aus: Zunächst einmal werden Boxhandschuhe übergestreift. Damit kämpfen die Parkinson-Patient:innen dann entweder gegen einen unsichtbaren Gegner – zum Beispiel die Luft (Schattenboxen) – oder sie “kämpfen” gegen einen Sandsack.
Angeleitet werden die Kurse von einem speziell ausgebildeten Trainer oder einer professionellen Trainerin, die genau wissen, worauf es bei Parkinson in puncto Sicherheit ankommt.
Wie wirkt Boxen bei Parkinson?
Spricht man mit Amateur-Boxer:innen, die an Parkinson leiden – wie dem TV-Moderator Frank Elstner – bekommt man viele begeisterte Antworten, wie genau der Sport sie sowohl körperlich als auch geistig und emotional stärkt. Offenbar erzielt Boxen eine breite Palette an positiven Effekten, wenn der Sport regelmäßig ausgeübt wird.
Kräftigung der Muskulatur
Das spezielle Boxtraining stärkt nicht nur die großen Muskelstränge, sondern auch kleinere und tieferliegende Muskelgruppen, die durch Bewegung schwerer zu erreichen sind. So lassen sich mit dieser Sportart sowohl die Bein- als auch die Armmuskeln stärken, was Betroffenen zu mehr Kraft im Alltag verhelfen kann. Gerade das längere Halten der Arme plus Boxhandschuhen nach vorne und das schnelle Schlagen mit den Fäusten trainiert die Muskeln des gesamten Oberkörpers, also die Muskulatur an Armen, Schultern und des Rückens.
Besserung der Körperhaltung
Dass Boxen unter anderem den Schulter-Rückenbereich kräftigt, erweist sich gerade für jene Parkinson-Patient:innen als wichtig, die aufgrund der motorischen Probleme bereits deutlich nach vorn gebeugt gehen. Diese Menschen können durch das Boxen neben einem aufrechteren Gang auch eine bessere Haltung annehmen.
Training von Ausdauer und Fitness
Ein regelmäßiges Training verbessert mit der Zeit natürlich auch Ihre Kondition, Ihnen fallen körperliche Aktivitäten weniger schwer, sodass Sie den Alltag mit seinen Herausforderungen und vielen Aufgaben mitunter wieder besser bewältigen können.
Förderung der Koordination von Bewegungen
Beim Boxen müssen Sie Ihre Schritte exakt auf Ihre Schläge mit der Faust abstimmen. Dies trainiert Ihre Fähigkeit, verschiedene Bewegungen zu koordinieren. Die Bewegungen sind beim Boxen sehr schnell auszuführen, daher bedarf es auch körperlicher und geistiger Schnelligkeit. Noch dazu müssen Sie Ihren Körper dabei fortwährend wieder neu im Raum ausrichten, was das Gleichgewicht und die räumliche Wahrnehmung schult. Dies sind ebenfalls Dinge, die bei Parkinson häufig Probleme bereiten.
Verbesserung der Beweglichkeit
Da Sie sich beim Boxen im Stand sehr vielseitig bewegen, können Sie mit regelmäßigem Training Ihren eigenen Bewegungsradius vergrößern und Ihre Bewegungen ausladender werden lassen. Bewegungen, die Sie bisher aufgrund des Rigors (Muskelsteifigkeit) nur eingeschränkt durchführen konnten, fallen Ihnen durch das Boxtraining möglicherweise wieder leichter. Das erweist sich im Alltag, in dem viele Bewegungen notwendig sind, als große Hilfe. Man denke nur allein an das An- und Ausziehen oder die Körperpflege.
Schulung des Gleichgewichtssystems
Die Übungen im Boxkurs finden zum Teil auf weichen Untergründen statt, wodurch Sie sich in der Bewegung immer wieder neu ausbalancieren müssen. Das schult Ihr Gleichgewicht und kann dazu beitragen, dass Sie sich beim Gehen sicherer fühlen. Parkinson-Symptome wie Gangstörungen können so gelindert werden, die Sturzgefahr aufgrund von Haltungsinstabilität (posturale Instabilität) kann deutlich abnehmen.
Kräftigung der Stimme
Hin und wieder können die Parkinson-Boxer:innen im Boxkurs auch mal schreien, um Frust, Stress und Traurigkeit abzubauen. Das Boxen stellt auch die Weichen für eine kraftvollere Stimme, denn sowohl das gelegentliche Schreien als auch das Ausdauertraining kräftigen die Atemmuskulatur. Dies ist eine weitere positive Wirkung des Boxens, denn Sprechstörungen mit einer zu leisen Stimme und einer schwer verständlichen Sprache sind bei weiter fortgeschrittenem Parkinson oft ein Thema.
Zunahme der Konzentrationskraft
Wer den Körper kräftigt, stärkt auch die Konzentration, denn durch das Ausdauertraining nimmt die Durchblutung im Gehirn zu. So werden die kognitiven Funktionen wie das Gedächtnis und die Konzentration gefördert, denn die Nährstoffe und der Sauerstoff kann besser in die Zellen gelangen. Sie sind beim Trainieren zu 100 Prozent wach, da Ihre Konzentration sowohl auf Ihre Schlagbewegungen als auch auf Ihre Schritte und Ihr Gleichgewicht fokussiert ist.
Förderung der Widerstandskraft und des Selbstbewusstseins
Mit den Muskeln, die von Training zu Training stärker werden, entwickelt sich auch die mentale Kraft positiv. Viele Menschen finden durch das Boxtraining den Mut für neue Projekte und erleben insgesamt einen positiveren Umgang mit der eigenen Erkrankung. Viele spüren in sich ein ganz neues Selbstbewusstsein und trauen sich wieder Dinge zu, die sie vor dem Einstieg ins Schlag-Training für unmöglich hielten.
Ein Weg aus dem Krankheitsfrust
Viele Menschen berichten davon, dass sie sich durch das Boxen im Alltag seelisch besser fühlen und ihr Leben wieder optimistischer betrachten. Offenbar trägt das Training dazu bei, dass sich die Stimmung verbessert. Viele Menschen mit Parkinson haben einen hohen Leidensdruck durch ihre Erkrankung, was sich auf seelischer Ebene in Form einer Depression manifestieren kann. Mit den Boxhandschuhen gewappnet, sagen sie der Krankheit symbolisch den Kampf an, statt sich ihr unterzuordnen und auszuliefern.
Ein Weg aus der Hoffnungslosigkeit und Isolation
Das Zusammenkommen mit anderen Erkrankten spendet nicht zuletzt auch der eigenen Seele Trost. Denn die Menschen gehen hier auch in den verbalen Austausch, haben durch den Sport Spaß zusammen und fühlen sich durch ihre gemeinsame Erfahrung – das Leben mit der Krankheit Morbus Parkinson – miteinander verbunden. Nach dem Training können sie sich in der Gemeinschaft austauschen, was den Betroffenen laut Erfahrungsberichten dabei hilft, die Lebensqualität erheblich zu verbessern. Übrigens boxen in diesen Kursen auch viele Frauen, die vor ihrer Erkrankung keine Berührungspunkte mit der Welt des Boxens gehabt hatten.
Langsameres Fortschreiten der Erkrankung möglich
Laut Studien können sowohl die motorischen als auch die nicht-motorischen Symptome im frühen Parkinson-Stadium durch ein regelmäßiges Boxtraining abgemildert werden. Daneben soll das Boxen auch eine tolle Waffe gegen das Fortschreiten der Erkrankung sein. Es kann laut einer Studie der Universität Kassel dabei helfen, den Krankheitsverlauf auszubremsen und ermöglicht den Betroffenen möglicherweise noch länger ein relativ gutes Wohlbefinden.
Boxen – gilt in speziellen Parkinson-Kursen als sicher
Anders als gesunde Boxer:innen treten Parkinson-Erkrankte nicht im Ring gegeneinander an. Vielmehr boxen sie spielerisch miteinander. Einen Vollkontakt gibt es hier nicht, schon gar keine Schläge auf den Kopf. Meist werden die Schläge in die Luft, gegen den Sandsack oder in die abgepolsterten Hände eines menschlichen Gegners ausgeführt. Daher gilt das Boxen bei Parkinson in eigens dafür entwickelten Kursen als sicher. Schließlich werden die Boxschüler:innen hier auch von speziell geschulten Trainer:innen angeleitet, die sich mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson auskennen und wissen, welche Übungen durchgeführt werden dürfen und welche nicht.
Wie oft findet das Boxtraining bei Parkinson statt?
Die Häufigkeit des Boxtrainings ist je nach Kurs unterschiedlich – manche Menschen trainieren einmal, andere zwei- oder auch dreimal pro Woche. Um spürbare Effekte an sich festzustellen, sollten Sie aber schon mindestens einmal die Woche trainieren.
Boxen bei Parkinson – wie finde ich einen Kurs?
Da das Boxtraining im Kampf gegen den unsichtbaren Gegner Parkinson noch ein recht junger Trend ist, gibt es leider noch nicht so viele Kurse in Deutschland. Bislang können Sie zum Beispiel in folgenden Städten Kurse gemeinsam mit anderen Parkinson-Betroffenen absolvieren, darunter:
- Berlin („Box-Kultur Berlin“)
- Köln (Initiative „Rock Steady Boxing“)
- Buxtehude (Buxtehuder SV, bei Hamburg)
- Bergisch Gladbach (“Hau den Parkinson”)
- Baden-Baden („Baden Health“)
Es ist kein Kurs in Ihrer Nähe dabei? Dann wenden Sie sich bitte an eine Parkinson-Selbsthilfegruppe in ihrem Ort oder in der nächstgelegenen größeren Stadt, an eine neurologische Klinik oder ein entsprechendes Rehazentrum. Vielleicht gibt es dort ein Reha-Angebot und Sie können den Boxsport schon bald in Angriff nehmen.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für das Boxen bei Parkinson?
Wenn Sie einen Boxkurs speziell für Parkinson-Betroffene besuchen möchten, dann tragen Sie die Kosten dafür aktuell selbst. Denn die Krankenkassen bieten bislang keine Kostenübernahme für Boxkurse als begleitende Maßnahme zur schulmedizinischen Therapie an. In Köln (Trainingsprogramm “Rock Steady Boxing”) kostet das Training beispielsweise im Monat rund 90 Euro. Der Mitgliedsbeitrag kann je nach Stadt variieren.

