Angst bei Parkinson: Symptome, Ursachen, Behandlung

Jeder Mensch hat zuweilen vor etwas Angst – etwa davor, einen Unfall zu haben oder einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch bei Parkinson kommt es häufig zu intensiveren Ängsten, ernstzunehmenden Angststörungen, die von Ärzten leider oft erst spät erkannt werden. Sie reichen von der Angst vor einer großen Menschenmenge bis hin zu einer generalisierten Angststörung. Manchmal treten sie sogar schon vor den motorischen Parkinson-Symptomen auf. Eine Ursache für die Angst liegt im Mangel an bestimmten Hirnbotenstoffen wie Dopamin. In der Behandlung setzen Ärzte auf Medikamente. Doch auch eine Verhaltenstherapie kann die Symptome abmildern helfen – ebenso Entspannungstraining und eine Musiktherapie.

In welchen Situationen zeigt sich die Angst bei Parkinson, durch welche Symptome macht sie sich bemerkbar und wie sehen geeignete Gegenmaßnahmen aus? Wir bringen Licht ins Dunkel.

Wie viele Menschen mit Parkinson entwickeln Ängste?

Im Verlauf der Parkinson-Krankheit leiden je nach Studie 33 bis 56 Prozent der Patienten irgendwann einmal an einer Angststörung. Die Ängste entwickeln sich oft im Zuge einer Depression, die sich wiederum bei etwa 40 Prozent der Menschen mit einer Parkinson-Erkrankung herausbildet.

Mit welchen Symptomen zeigt sich die Angst bei Parkinson?

Angst ist ein diffuses und mächtiges Gefühl, das sich ganzheitlich zeigt – auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene. An folgenden Anzeichen erkennen Sie eine übersteigerte Angst:

  • Sie spüren eine große innere Unruhe.
  • Sie sind innerlich stark angespannt, Ihre Muskeln verspannen sich.
  • Sie fühlen sich unwohl und in Ihrer Sicherheit bedroht.
  • Sie möchten dringend aus der Situation heraus (Fluchtinstinkt).
  • Sie fürchten, die Kontrolle über sich zu verlieren.
  • Sie haben das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können.
  • Ihr Herzschlag beschleunigt sich.
  • Ihnen bricht der Schweiß aus (“Angstschweiß”).
  • Sie fangen an zu zittern. Das Zittern rührt nicht von der Parkinson-Krankheit her.
  • Sie machen sich permanent Sorgen in verschiedenen Bereichen.
  • Sie atmen zu schnell und zu tief (hyperventilieren), wodurch Ihnen schwindelig werden kann.
  • Sie haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.

Sie haben Schlafstörungen, können häufig nicht gut einschlafen oder liegen nachts oft lange wach.

Folgen einer unbehandelten Angststörung

Unbehandelte Angststörungen können darin münden, dass die Betroffenen sich immer mehr aus dem aktiven und sozialen Leben zurückziehen und in die Einsamkeit abgleiten. Sie meiden es, an gesellschaftlichen Ereignissen wie Familienfeiern oder Ausflügen teilzunehmen. Wird die Angst nicht behandelt, droht sie einen immer größeren Raum im Leben der Betroffenen einzunehmen. Sie entwickeln dann oft noch zusätzlich eine Angst vor der Angst. Allein der Gedanke an die problembehaftete Situation jagt ihnen dann bereits große Furcht ein – inklusive der dazugehörigen Angst-Symptome. Schließlich meiden Betroffene häufig auslösende Situationen oder Orte komplett. Umso wichtiger ist es, dass die Angst frühzeitig erkannt und behandelt wird.

Welche Formen der Angst treten bei Parkinson auf?

Die übersteigerte Angst bei betroffenen Parkinson-Patienten kann sich auf verschiedene Weise manifestieren – und zwar als:

  • Panikstörung: Damit sind schwere, akute Angstzustände gemeint, die häufig aus dem Nichts zu kommen scheinen. Solche Panikattacken dauern meist einige Minuten oder auch bis zu 30 Minuten an und werden von heftigen körperlichen Symptomen wie Zittern, Atemnot, unregelmäßigem Herzschlag oder Schmerzen in der Brust begleitet.
  • Generalisierte Angststörung: Dieser Begriff steht für eine länger andauernde Angst oder Besorgtheit, für die Betroffene zuweilen keinen eigentlichen Grund benennen können. Sie dehnt sich auf mehrere Lebensbereiche aus und beschränkt sich nicht wie eine Phobie auf eine konkret benennbare Situation. Betroffene fürchten sich etwa extrem davor, dass einem Angehörigen etwas Schlimmes zustoßen könnte.
  • Phobien: Dazu gehört etwa die Agoraphobie, also die Angst vor Orten und Situationen, aus denen Betroffene bei Problemen nicht herauskommen könnten (z. B. wenn sie in großen Menschenmengen, auf öffentlichen Plätzen oder in einem Transportmittel wie einem Bus oder Flugzeug sind). Aber auch die soziale Phobie, die sich durch die Angst vor Menschen oder vor Vorträgen zeigen kann, zählt zu den Phobien. Daneben gehören Höhenangst (Akrophobie) oder die Angst vor geschlossenen oder engen Räumen (Klaustrophobie) zu den Ängsten, die Parkinson-Patienten zu schaffen machen können.

Was sind die Ursachen für Angststörungen bei Parkinson?

Das Entstehen von Ängsten und Depressionen hängt im Fall von Parkinson direkt mit den degenerativen Veränderungen im Gehirn zusammen, die durch die Krankheit hervorgerufen werden. Doch es gibt auch noch andere mögliche Auslöser.

Mangel an wichtigen Hirnbotenstoffen

Durch das vorzeitige Absterben geschädigter Dopamin-produzierender Nervenzellen in der schwarzen Substanz (Substantia nigra) gerät bei Parkinson-Patienten die Balance der Botenstoffe im Gehirn durcheinander. Dieser Prozess zieht konkret einen Dopaminmangel nach sich. Die Erkrankung führt aber auch zu Veränderungen, die den Spiegel an den Neurotransmittern Serotonin und Noradrenalin absenken, was dann insgesamt eine Angst- und Depressions-Symptomatik fördert.

Ein Dopaminmangel beeinflusst nicht nur unsere Stimmung negativ, sondern ist auch der Grund, weshalb Parkinson-Betroffene mit motorischen Problemen wie Bewegungsverlangsamung (Bradykinese), Muskelsteifheit (Rigor) und Zittern (Tremor) kämpfen. Denn Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff, der unsere Bewegungen initiiert, steuert und koordiniert.

Wirkschwankungen von Parkinson-Medikamenten

Parkinson-Medikamente wie Levodopa werden eingesetzt, um das fehlende Dopamin im Gehirn auszugleichen und die motorischen Symptome unter Kontrolle zu bekommen. Doch kann es hier zu Wirkschwankungen kommen, in denen das Medikament dann nicht mehr wirkt und der Dopaminspiegel wieder deutlich absinkt. In diesen sogenannten “Off-Phasen” sind die Patienten anfälliger für Angstgefühle oder die klassischen Symptome einer Depression. Dies gilt auch für die Zeit, in der die Wirkung des Medikaments allmählich nachlässt.

Doch auch in den “On-Phasen”, in denen sich keine motorischen Symptome zeigen, sind Angststörungen nicht ungewöhnlich. Diese sind dann etwa dadurch zu erklären, dass zu viel Dopamin in bestimmten Hirnarealen vorliegt, wodurch sich die Wahrnehmung intensiviert. Das kann die Wahrnehmungsfilter überfordern und Angstgefühle triggern.

Scham als Ursache für Angst

Gefühle von Angst können aber auch entstehen, weil Parkinson-Patienten sich davor fürchten, sich anderen Menschen mit ihren Beeinträchtigungen zu zeigen. Denn sowohl ein nicht zu versteckendes Zittern als auch plötzliche Bewegungsblockaden (Freezing) oder Sprechstörungen sind für viele Betroffene unangenehm. Sie würden all diese Symptome am liebsten vor anderen verstecken, damit sie nicht auffallen, was aber nicht möglich ist. Viele Menschen bringen den dafür erforderlichen großen Mut nicht auf, entwickeln nachvollziehbare Ängste vor der Reaktion der Mitmenschen und meiden so lieber Interaktionen mit Menschen.

Stürze und Verletzungen als Angstauslöser

Menschen mit Parkinson können Probleme mit dem Gleichgewicht haben, was sich dann in einer Haltungsinstabilität (posturale Instabilität), Gangstörungen und auch vermehrten Stürzen zeigt. Das ist riskant, weil es die Gefahr birgt, sich ernsthaft zu verletzen, etwa wenn man an einer Tischkante aufschlägt oder die Treppe herunterfällt. Diese Erfahrung, häufig zu fallen, führt bei den betroffenen Patienten nicht selten zu einer Angst vor dem nächsten Sturz. Daher gehen sie häufig in ein Vermeidungsverhalten, ziehen sich von Aktivitäten verstärkt zurück. Diese selbstgewählte Isolation steigert jedoch das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Auch Ängste bessern sich nicht, wenn man sich nicht mehr mit Menschen für schöne Aktivitäten trifft und sich damit auf andere Gedanken bringt.

Wie wird die Diagnose Angst bei Parkinson gestellt?

Eine Angsterkrankung, die sich zu Parkinson hinzugesellt, wird häufig erst spät von Ärzten erkannt. Denn ein Muskelzittern, angespannte Muskeln oder motorische Unruhe werden eher der Parkinson-Erkrankung zugeschrieben als einer eigenständigen Angsterkrankung. Gehen Sie Ihrem Neurologen oder Ihrer Neurologin gegenüber offen mit vorhandenen Symptomen um und berichten Sie von etwaigen Schlafstörungen, Panikattacken oder Angstgefühlen. Auch der Hausarzt oder die Hausärztin kann Ihnen weiterhelfen, wenn Sie nicht wissen, an wen Sie sich mit überwältigenden Angstgefühlen wenden sollen. Es gilt das Prinzip: Je früher die Angst diagnostiziert und behandelt wird, desto besser ist der Therapieerfolg.

Dem Arzt oder der Ärztin stehen folgende Mittel zur Diagnose zur Verfügung:

  • Befragung (Anamnese) des Patienten oder der Patientin zu Symptomen, wann und wie oft sie auftreten und ob es einen Zusammenhang zu einzunehmenden Medikamenten (z. B. Wirkschwankungen) gibt.
  • Fragebögen wie die Parkinson Anxiety Scale (PAS) erfassen gut den Schweregrad einer behandlungsbedürftigen Angst sowie die Vielzahl psychischer und körperlicher Symptome. Speziell die PAS ermöglicht auch Aussagen zur Angst, die mit den speziellen Bewegungsstörungen bei Parkinson in Verbindung stehen.
  • Blutuntersuchung zum Ausschluss anderer Ursachen (z. B. einer Schilddrüsenüberfunktion).

Wie wird Angst bei Parkinson behandelt?

Besonders vielversprechend ist eine Behandlung der Angst von Parkinson-Patienten mit einer Kombination aus medikamentöser Therapie und Psychotherapie.

Medikamentöse Therapie

Um die Angst zu lindern, können Patienten folgende Medikamente verschrieben bekommen:

  • Antidepressiva: Dazu gehören als erste Mittel der Wahl die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Citalopram oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) wie Venlafaxin. Diese Wirkstoffe können nicht nur Angst-Symptome lindern, sondern greifen in der Regel auch bei Depressionen.
  • Anxiolytische Antikonvulsiva: Bei einer generalisierten Angststörung sowie einer Panikstörung können Medikamente dieser Gruppe wie z. B. Pregabalin verschrieben werden, um die Angst zu lösen. Der Wirkstoff hilft oft zuverlässig dabei, die psychischen und körperlichen Angst-Symptome schnell zu reduzieren.
  • Parkinson-Medikamente: Auch die Wirkstoffkombination Levodopa/Carbidopa ist in der Regel bei Angst wirksam, da sie den Dopaminmangel im Gehirn für eine gewisse Zeit anhebt, ebenso die Dopaminagonisten wie Pramipexol, die in der Parkinson-Therapie häufig zum Einsatz kommen.
  • Benzodiazepine: Die angstlösenden Wirkstoffe Lorazepam oder Clonazepam sind zwar gut wirksam, machen aber schnell abhängig und haben zudem Nebenwirkungen. So kann es etwa zu Gleichgewichtsstörungen kommen, die wiederum das Sturzrisiko erhöhen. Daher sollten diese Mittel in der Therapie das letzte Mittel der Wahl sein und dann auch nur für kurze Zeit angewendet werden.

Alkohol als Entspannungsmaßnahme geeignet

Ein Glas Wein oder ein Bier hilft Ihnen dabei, sich zu entspannen und die Angstgefühle zu reduzieren? Auch wenn Alkohol diese angstlindernde Wirkung hat und auch das Einschlafen erleichtern kann, ist er kein geeignetes Mittel zur Selbstbehandlung. Denn erstens stört er dann später in der Nacht häufig den Schlaf. Zweitens kann er mit den Parkinson-Medikamenten wechselwirken, etwa die Wirkung von Levodopa herabsetzen. Daneben verstärkt er oft die Parkinson-Symptome wie Müdigkeit oder das Zittern.

Und drittens: Alkohol birgt immer die Gefahr, davon abhängig zu werden. Vorübergehend scheinen sich die Probleme vielleicht zu bessern, doch dies ist nicht von Dauer. Denn durch den Gewöhnungseffekt verlangt das Gehirn nach immer mehr Alkohol, um die Angst zu mildern. Und schon steckt man in einem unheilvollen Suchtkreislauf.

Verhaltenstherapie für einen besseren Umgang mit der Angst

In der kognitiven Verhaltenstherapie lernen Betroffene zum Beispiel, wie sie sich in einer konkreten Angstsituation selbst helfen können. Allgemein zielt die Therapie auf einen selbstbewussten Umgang mit den eigenen Ängsten ab. Es werden spezielle Techniken und Strategien wie Atemübungen oder das Sich-beruhigen mit positiven Gedanken vermittelt, die der Anspannung, den diffusen Angstgefühlen oder einer Panikattacke entgegenwirken können.

Weiterhin schauen sich Patienten gemeinsam mit dem Therapeuten oder der Therapeutin ihre konkreten Ängste an. Dazu werden Betroffene angstauslösenden Situationen ausgesetzt. Mit der Unterstützung des Therapeuten oder der Therapeutin arbeiten sie dann daran, ihre Ängste abzubauen, neuen Mut zu fassen und sich nicht von der Angst dominieren zu lassen. Auch geht es darum zu lernen, sich aufgrund der vielen Beeinträchtigungen rund um Parkinson eben nicht zurückzuziehen, sondern weiterhin aktiv am sozialen Leben teilzunehmen. Denn dieser Rückzug verstärkt die Angst meist noch.

Was können Sie gegen die Angst bei Parkinson tun?

Doch mit Medikamenten und Psychotherapie sind die Mittel noch nicht ausgeschöpft. Um die Angst als Parkinson-Betroffene:r besser zu bewältigen, stehen Ihnen noch viele andere Möglichkeiten offen. Im Kern geht es darum, weiterhin aktiv zu bleiben, sich unter Menschen zu begeben und sich um positive Gefühle zu bemühen, die die Angst in Schach halten. Folgende Dinge wirken stimmungsaufhellend auf unser Gemüt, entspannen Geist, Körper und Seele gleichermaßen:

  • Musiktherapie: Das Singen, etwa in einem Chor, schenkt Ihnen nicht nur Entspannung und Glücksgefühle. Zudem sind Sie währenddessen mit anderen Menschen zusammen, können sich austauschen und Freundschaften schließen. Ein wunderbares Mittel gegen Einsamkeit und dunkle Gedanken. Auch das Hören harmonischer Musik oder der eigenen Lieblingsmusik sowie das Erlernen eines Instruments erzielen oft gute therapeutische Effekte bei Angststörungen.
  • Sport: Bewegung, wie Sie sie etwa beim Tanzen, Tischtennis, Schwimmen oder Nordic Walking erleben, tut Körper und Seele gut. Sport lässt Stresshormone wie Cortisol purzeln und flutet unseren Körper dafür mit „Glückshormonen“ wie Dopamin und Serotonin. Ideal: Ausdauersport. Sorgen Sie für regelmäßige Bewegung, am besten an fünf Tagen die Woche, 30 Minuten lang. Darunter fallen auch Spaziergänge und Kraftübungen. Besonders geeignet sind auch Sportarten, bei denen sie mit anderen Menschen in Kontakt kommen.
  • Entspannungsmethoden: Yoga, Meditation, progressive Muskelentspannung – all diese Methoden bauen bei regelmäßigem Training Stressgefühle ab und entfalten entspannende, antidepressive sowie angstlindernde Effekte. Zudem stärken sie Ihr Selbstbewusstsein und Ihre mentale Kraft, die Sie brauchen, um besser mit einer Krankheit wie Parkinson zurechtzukommen.
  • 4-7-8-Atmung bei akuter Angst: Atmen Sie 4 Sekunden lang ein, halten den Atem 7 Sekunden an und atmen dann mit leicht geöffneten Lippen durch den Mund 8 Sekunden lang aus. Wiederholen Sie die Atemübung mehrmals. Konzentrieren Sie sich dabei nur auf Ihre Atmung.
  • Sozialer Austausch: Umgeben Sie sich regelmäßig mit Menschen, die Sie mögen und denen Ihr Wohl am Herzen liegt. Denn wenn Sie sich gut eingebunden und geborgen fühlen, hilft Ihnen dieses Gefühl, besser mit der Angst zurechtzukommen und Angstgefühle zu lindern. Auch eine Selbsthilfegruppe kann Ihnen in Ihrer Situation Halt geben. Denn dort finden Sie Menschen, die Sie verstehen und die Ihnen wertvolle Ratschläge geben können. Auch bieten diese Gruppen eine tolle Gelegenheit, neue Freundschaften zu schließen.